Förderstiftungen als Policy-Tester

Warum Innovation im Schweizer BFI-System oft im Kleinen beginnt

11. Januar 2026

Das Schweizer Bildungs-, Forschungs- und Innovationssystem (BFI) ist international anerkannt: stabil, leistungsfähig und breit abgestützt durch öffentliche und private Akteure. Diese Stabilität bringt allerdings eine systemische Herausforderung mit sich: Wer testet Neues dort, wo Unsicherheit hoch, Wirkung aber noch unklar ist? Hier kommen Förderstiftungen ins Spiel – nicht als Ersatz für staatliche oder marktwirtschaftliche Förderung, sondern als agile Policy-Tester im Kleinen.

Förderlücken als systemische Realität

Im BFI-System existieren strukturelle Förderlücken, die weder von staatlichen Instrumenten noch von privaten Investoren systematisch bearbeitet werden:

  • zu früh für klassische Forschungsförderung
  • zu riskant für private Finanzierung
  • zu klein oder zu unkonventionell für bestehende Programme

Genau in diesen Zonen entsteht jedoch oft das, was später skaliert werden kann: neue Förderlogiken, neue Zielgruppen, neue Übergänge zwischen Forschung und Innovation.

Förderstiftungen können hier etwas leisten, was anderen Akteuren schwerfällt: Risiken bewusst eingehen, Hypothesen testen und Lernen ermöglichen – bevor Programme verfestigt werden.

Drei Beispiele für Policy-Testing aus der Praxis

1. Pilotförderung: Früh testen, bevor skaliert wird

Mit der Pilotförderung schuf die Gebert Rüf Stiftung bereits 1998 ein themenoffenes Fördergefäss für besonders originelle Projekte mit ausgewiesenem Pilotcharakter, hohem Anwendungspotential und gesamtschweizerischer Relevanz. Das Förderprogramm war explizit als Experimentierraum angelegt, um mit bis zu CHF 300'000 innovative Forschungsprojekte in der Lücke zwischen Grundlagenforschung und Markt zu unterstützen.

Aus Policy-Perspektive besonders relevant ist der systemische Effekt: Mit der Lancierung des gemeinsamen Förderprogramms BRIDGE von SNF und Innosuisse wurde diese Förderlücke nach rund 20 Jahren institutionell geschlossen. Die Pilotförderung hatte ihr Ziel erreicht – die Brücke war geschlagen.

Mit der Pilotförderung wurde nicht nur ein Förderinstrument getestet, sondern Policy-Wissen generiert, das auch für staatliche Akteure relevant ist. Die GRS konnte sich nach Einsatz von rund CHF 70 Mio. konsequent zurückziehen und mit dem InnoBooster gezielt eine neue, bislang unbewirtschaftete Förderlücke adressieren. Damit bleibt sie ihrer Rolle als Initialfinanziererin und Ermöglicherin von Bewegung im System treu.

2. Crowdfunding für Forschung: Neue Finanzierungslogiken erproben

Ein weiteres Beispiel für «Policy-Testing im Kleinen» ist die Anschubfinanzierung des Science Booster-Crowdfundingkanals auf der Plattform wemakeit, um kleine, originelle Forschungsprojekte zu fördern und sichtbarer zu machen. Über diesen Kanal können Forschende, unabhängig von ihrer institutionellen Anstellung, ihre Ideen direkt bei der Öffentlichkeit plazieren und unterstützen lassen; dies schuf nicht nur Finanzierungsspielraum, sondern auch einen direkten Dialog zwischen Wissenschaft und Gesellschaft.

Wesentlich ist aus systemischer Sicht: Der Schweizerische Nationalfonds (SNF) hat die Finanzierung der Plattform übernommen und unterstützt inzwischen Projekte, die über wemakeit laufen durch Matching-Beträge und Begleitmassnahmen.

Damit wurde ein Modell institutionalisiert, das als Stiftungsexperiment startete und später in die breitere Förderlandschaft überging. Insgesamt hat die Crowdfunding-Initiative mehr als CHF 2 Mio. an Spenden ausgelöst – ein klarer Hinweis darauf, dass dieses Finanzierungsformat relevante Nachfrage bei Forschenden und der Öffentlichkeit erzeugt.

Crowdfunding dient hier also nicht nur der Akquise von Mitteln, sondern als Policy-Instrument für frühe Risikoprojekte, Wissenschaftskommunikation und alternative Förderpfade im BFI-System.

3. First Ventures: Fachhochschulen als Innovationsmotor – eine Förderlücke gezielt schliessen

Mit First Ventures adressiert die Gebert Rüf Stiftung eine lange vernachlässigte Förderlücke im Schweizer BFI-System: das unternehmerische Potential an Fachhochschulen (FH). Als erstes Programm seiner Art richtet es sich spezifisch an FH-Studierende und ihre innovativen Geschäftsideen und unterstützt diese mit bis zu CHF 150’000 pro Projekt in einer sehr frühen, risikobehafteten Phase.

Bis heute wurden über 70 FH-Startups mit insgesamt mehr als CHF 7.5 Mio. gefördert. Das Programm ist bewusst so gestaltet, dass es sich nahtlos in das nationale und regionale Förderökosystem einfügt und Anschlussfähigkeit an weitere Instrumente, Investoren und Programme schafft. Konkret erhält inzwischen rund jedes siebte First-Ventures-Startup zusätzlich einen BRIDGE Proof-of-Concept-Grant s– ein starkes Indiz für die Qualität der Projekte und für die funktionierende Verzahnung zwischen stiftungsgetriebener Frühförderung und staatlichen Förderinstrumenten.

Aus Policy-Perspektive besonders relevant ist die Hebelwirkung: Jeder investierte Förderfranken mobilisiert im Durchschnitt mehr als das Dreifache an zusätzlichen Mitteln – sei es durch Investor:innen, ergänzende Förderinstrumente oder erste Umsätze. Damit wird sichtbar, dass gezielte Initialförderung an den richtigen Stellen systemische Wirkung entfalten kann.

Die Policy-Relevanz geht jedoch noch weiter: First Ventures wirkt nicht nur auf der Ebene einzelner Startups, sondern verändert FH-interne Förderstrukturen und Strategien. Zahlreiche Fachhochschulen haben in der Folge eigene Programme zur Vorbereitung und Begleitung ihrer Studierenden aufgebaut. So hat etwa die BFH Entrepreneurship als Kernelement ihrer Strategie verankert und unterstützt Studierende bei First-Ventures-Gesuchen systematisch mit Coaching und internen Fördermitteln. Die HES-SO Valais hat mit Entrepreneur-e-s HEI ein eigenes Programm etabliert, und die FHGR fördert unternehmerische Talente über den Accelerator «Innovators Challenge».

Damit wird First Ventures zu einem Katalysator institutionellen Wandels: Ein externes Förderinstrument setzt Anreize, auf die die Hochschulen mit eigenen Strukturen reagieren. Für die Policy-Debatte ist das zentral, weil hier sichtbar wird, wie Stiftungsinitiativen Governance-Effekte auslösen und zur strategischen Weiterentwicklung von BFI-Institutionen beitragen.

Die Förderlücke im FH-Bereich ist heute breit anerkannt. Entsprechend entstehen neue Förderpartnerschaften: So unterstützt die Albert Koechlin Stiftung First Ventures mit einer zweckgebundenen Förderdonation von CHF 1.2 Mio. (2026–2029) zur Stärkung von Startups aus der Innerschweiz. Diese Kooperation etabliert ein neues, skalierbares Modell philanthropischer Zusammenarbeit, das regionale Verankerung mit einer schweizweit etablierten Förderinfrastruktur verbindet und Kommunikation, Coaching sowie Monitoring effizient bündelt.

First Ventures zeigt exemplarisch, wie Förderstiftungen als Policy-Tester im Kleinen wirken können: indem sie dort ansetzen, wo Potential vorhanden, aber strukturell untererschlossen ist – und damit neue Pfade zwischen Bildung, Innovation und Unternehmertum im BFI-System öffnen.

Was bedeutet das für Policy-Entwicklung im BFI-System?

Förderstiftungen sind keine Nischenakteure. Richtig eingesetzt, sind sie Frühwarnsysteme für Förderlücken, Testfelder für neue Instrumente und Übersetzer zwischen Innovation und Institution.

Für die Politik bedeutet das: Stiftungen nicht nur als Finanzierer wahrnehmen, sondern als strategische Lernpartner.

Für Stiftungen selbst bedeutet es: Wirkung entsteht nicht nur durch Projekte, sondern durch systemisches Lernen und Weitergabe von Erkenntnissen.

Fazit

Innovation im BFI-System beginnt selten im Gesetzestext oder im grossen Programm. Sie beginnt oft dort, wo jemand bereit ist, Ungewissheit produktiv zu machen. Förderstiftungen können genau diese Rolle übernehmen: als agile Policy-Tester, die im Kleinen ausprobieren, was später im Grossen trägt.

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